Leseprobe

 

Sein Hund spürte seine Unruhe und zog. Soweit es sinnvoll war, blieb Gutbrod auf dem Weg. Dann aber, als er nach zwanzig Minuten in Steigers Nähe kam, durchquerte er auf den letzten paar hundert Metern ein Stück Mischwald und steuerte geradewegs auf die Lichtung zu. Der Schweiß lief ihm über die Stirn und er rang geradezu nach Luft.

Archie musste etwas in der Nase haben und zog heftig. Fast strangulierte er sich. Er winselte, brachte immer wieder einen hohen Kläffer heraus und zitterte vor Aufregung. Gutbrod sah die leere Kanzel am Rand der Lichtung. Von Steiger und seinem Hund war nichts zu sehen. Archie kläffte und zog Gutbrod quer über die Lichtung zu einer Gruppe kleiner Fichten hin, die wie eine Landzunge in die Lichtung hereinragte. Er hörte ein Schwirren und Summen, das mit jedem seiner Schritte lauter wurde. Als er die äußerste Fichte umrundet hatte, wurde es richtig laut. Archie bellte heftiger, zog nach links, zog nach rechts, zog voran, ging rückwärts, stieß ihm gegen die Beine, um ihn dann weiter voran zu zerren.

Warum war der Hund so verrückt? Noch zwei Schritte, und Gutbrod riss entsetzt die Augen auf und begriff auf den ersten Blick doch nicht, was er sah. Der Anblick war zu grässlich. Unerträglich. Horror. Er kniff die Augen zusammen und hielt die Hand vors Gesicht. Es würgte ihn. Vor ihm lag Steigers massiger Körper, tot, blutverschmiert. Seinen Kopf sah er nicht. Was er sah, waren Steigers Brust und Schultern und sein Hals bis zum Kinn. Der Kopf selbst steckte im Brustkorb eines aufgebrochenen Wildschweins. Rechts und links ragten unter seinen Hüften die Hinterläufe des Schweins hervor. Sein ganzer Oberkörper lag in dem, was der Bauch des Tiers gewesen war. Links daneben wurde das Gekröse von einer Fliegenwolke umschwärmt. Der Aufbruch – Lunge, Leber, Herz und Nieren – ,der auf der anderen Seite lag, glänzte ebenfalls schwarz von Fliegen, die sich darüber hermachten.

Zu Füßen des Toten war der Kadaver seines Hundes hindrapiert worden, erschossen, das Maul und die Augen von Fliegen befallen. Man hatte ihm den letzten Bruch, einen mit Blut verschmierten Fichtenzweig, zwischen die Zähne gesteckt. Direkt vor seiner Schnauze lag der Hut des Toten.

So schnell konnte Gutbrod die makabre Anordnung gar nicht überblicken. Fassungslos stand er mit offenem Mund da und hielt seinen Hund an kurzer Leine. Wo ist das Gewehr, schoss es ihm durch den Kopf. Und dann sah er es. Man hatte es der toten Sau zwischen die Zähne geklemmt. Da steckte es wie ein Stöckchen, das von einem Hund apportiert wird.

Gutbrod packte die nackte Angst. Erst dieser Sturz von der angesägten Hochsitzleiter, den er für einen Anschlag von Naturfreaks gehalten hatte, und nun lag Steiger tot vor ihm. Das hatten keine Naturfreaks getan, das kam von einer viel gefährlicheren Seite, das galt auch ihm, das hatte auch mit ihm zu tun. Er fühlte sich aus allen Richtungen bedroht. Sein erster Impuls war wegzulaufen. Aber er stand ja auf einer Lichtung, war von allen Seiten zu sehen, jedem möglichen Schützen bot er ein Ziel. So ging er nur in die Hocke und zog Archie zu sich. Er nahm ihn am Halsband und versuchte, ihn zu beruhigen. Was ihm aber nicht gelang. So hatte er seinen Hund noch nie erlebt. Es war ja nicht nur seine Erregung, die Archie spürte, es war auch sein toter Bruder, der da lag. Er brach in ein lautes, fast blechern klingendes Gebell aus, versuchte, an Gutbrod hochzuspringen und sich loszureißen. Er musste ihn am Halsband wegziehen, schleifte ihn ein paar Schritte zurück und band ihn an einen Baum. Dann stand er mit entsichertem Gewehr da, schaute unsicher in die Runde, bereit, sofort zu schießen, wenn sich irgendjemand geregt hätte. Er hörte seinen Hund nicht mehr kläffen, merkte nicht, dass er selbst vor Aufregung keuchte, und bohrte seinen Blick in jedes Dickicht am Rande der Lichtung, bis ihm vor Anstrengung die Augen tränten.