Leseprobe

OW war auf Probefahrt. Er hatte sich von seinem Freund Siggi Kupfer dessen neues Fahrrad geliehen, weil er daran dachte, sich ebenfalls eines zu kaufen, und zwar eines, das er fahren könnte, bis er achtzig würde. Aber ein E-Bike sollte es nicht sein. Es ging ihm nicht darum, per Rad von A nach B zu kommen – er hatte schließlich ein Auto –, sondern um die Anschaffung eines Trainingsgeräts, das ihn nicht überfordern würde.

»So eins wie meins: mit ultratiefem Einstieg, Siebengangschaltung und vor allem mit Rücktritt, halt ein Citybike«, hatte Kupfer gesagt. »Was soll ich in der City?« »Du musst damit nicht in die City. Das hat dicke Reifen. Mit dem kannst du auch bequem durch den Wald fahren.«

Genau das tat OW. Es war Anfang November, aber trocken und mild. Die Laubfärbung war immer noch prächtig, und nach ein paar grauen Hochnebeltagen war heute schon am Morgen die Sonne durchgebrochen, so dass es OW nicht zu Hause hielt. »Heute probier ich endlich Siggis Rad aus.«

"Aber ohne mich", sagte Emma. "Ich mag mich nicht schinden."

"Ich schinde mich nicht. Ich fahre gemächlich durch den Wald", sagte OW bestimmt.

"Durch den Wald?" Emma war skeptisch. "Bis du im Schönbuch bist, hast du keine trockene Faser mehr am Leib."

"Ich kann auch schieben."

"Und wo willst du dann hinfahren?"

"Durchs Goldersbachtal nach Bebenhausen, über Lustnau nach Tübingen und dann mit der Ammertalbahn zurück."

Emma runzelte die Stirn.

"Na hoffentlich bist du wieder da, bevor es Nacht wird."

"Keine Frage. So lange brauche ich nicht. Vom Steighäusle aus ist es nur eben oder geht sogar bergab."

"Pass auf, dass dich der Sattel nicht bis zum Nabel durchsägt."

"Jetzt hör doch auf zu unken."

Er machte sich ein Versperbrot, kaufte auf dem Weg durch die Stadt zwei Dosen Bier und fuhr die Hildrizhauser Straße hinaus. Er saß aufrechter, als er gedacht hatte, und fand den Sattel sehr bequem. Auf den ersten fünfzig Metern der Steige, ungefähr bis zum Ortsschild, testete er den kleinsten Gang, dachte aber dann doch an die trockenen Fasern, die er bis Tübingen am Leib haben wollte, und stieg ab. Lieber zwei Kilometer schieben als nassgeschwitzt sein.

Nach einer halben Stunde war er am Herrenberger Waldfriedhof, und nun begann der genussvolle Teil der Tour. Auf etwas mehr als fünf Kilometern ging es hundert Höhenmeter ins Golderbachtal hinab. Rechts und links goldener Buchenwald. Es war eine Freude. Es störte ihn nur etwas, dass er auf dem Schottersträßchen immer wieder einhändig fahren musste, weil ihm die rechte Hand einschlief. Trotzdem pfiff und sang er vor sich hin, machte seinen Anorak auf, ließ ihn im Fahrtwind flattern und fühlte sich mindestens fünfzehn Jahre jünger als während der halben Stunde, die er das Rad bergauf geschoben hatte.  Als der Schotterweg kurz vor der Neuen Brücke ebener wurde und er etwas mehr in die Pedale treten musste, wenn er nicht langsamer werden wollte, spürte er, das es doch bald Zeit wäre, einen Schluck zu trinken. Das woltte er am nächsten Grillplatz tun. Und keine fünf Minuten später sah er zwischen den Bäumen die Grillstelle mit dem überdachten Sitzplatz. Die kam gerade recht.

Auf seiner Abfahrt war er keiner Menschenseele begegnet, und so stutzte er, als er auf einem der überdachten Bänke einen Mann sitzen sah - an einem Novemberspätvormittag mitten in der Woche. Er selbst testete ja ein Fahrrad. Aber was wollte der da? Und wie war er jetzt schon hierher gekommen? Ein Fahrrad war nirgends zu sehen.

OW stieg ab, nahm seine Vespertüte und eine Bierdose aus dem Einkaufskorb und ging auf die Schutzhütte zu. Die schrägen Sonnenstrahlen, in denen die Mücken tanzten, tauchten die Bänke in ein warmes Licht. Man hätte meinen können, es wäre noch Oktober. Hier in aller Ruhe sein Vesperbrot mit einem Bier hinunterzuspülen, war ein verlockender Gedanke.

Als OW sein Fahrrad hinter sich ließ und auf den Sitzplatz zuging, konnte er den Mann zunächst nur von den Schultern aufwärts sehen. Er hatte den Kopf zur Seite geneigt und schien zu schlafen. OW blieb stehen. Vielleicht sollte er ihn schlafen lassen, war sein erster Gedanke. Aber wenn er gar nicht schlief? Er trat zögernd näher. Eine dicke Fliege krabbelte dem Mann über die Lippen, ohne dass er auch nur zuckte. Er schlief nicht. Er war tot.

Der Appetit war ihm schlagartig vergangen. Er stand mit der Vespertüte und der Bierdose in der Hand unbeholfen mitten unter diesem Dach und konnte die Augen nicht von dem Toten abwenden. Es war ein junger Mann zwischen dreißig und vierzig. Er trug leichte Wanderstiefel und Jeans, dazu einen teuren Markenanorak in grün. Er hatte braunes leicht gewelltes Haar, das von seinem Mittelscheitel fast bis auf die Schultern herunterfiel. Sein schmales Gesicht war glatt rasiert. Er hatte die Augen geschlossen und den Kopf zur Seite geneigt. Seine Hände ruhten leicht nach oben geöffnet auf der Bank. Eigentlich saß er ganz friedlich da, aber er war tot. OW wurde es unheimlich. Er sah sich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Er trat an den jungen Mann heran und befühlte seinen Hals. Er war starr und kalt.

"So eine Scheiße", entfuhr es OW. Dann zog er sein Handy aus der Tasche und wählte Siggi Kupfers Nummer. Aber er war im Funkloch und bekam kein Netz. Was sollte er tun? Sollte er jetzt weglaufen und den Toten allein lassen? Oder lieber warten, bis vielleicht ein Waldarbeiter oder ein Förster vorbeikommen würde? Das könnte lange dauern und wäre sehr ungemütlich. Die paar Meter zu seinem Fahrrad zurück rannte er. Er warf seine Bierdose und das Vesperbrot in den Einkaufskorb, stieg auf, trat wie wild in die Pedale und fuhr ein kleines Stück talabwärts bis dahin, wo sich das Gelände etwas weiter öffnete. Dort stieg er keuchend ab und drückte auf Wahlwiederholung. Aber auch hier bekam er keine Verbindung.