Leseprobe

Der Parkplatz von "Möbel-und-Antiquitäten-Wels"wurde von den Scheinwerfern eines Sankas erhellt, der zwischen einem Streifenwagen und einem alten Opel Astra stand. Kupfer stieg aus und rannte gebückt auf den Eingang zu. Unter der Tür wischte er sich das Wasser aus dem Gesicht und sah sich einem Paar gegenüber, das, von einer jungen Polizistin bewacht, zusammengesunken dasaß. Er, ein brünetter Mittvierziger mit schulterlangen Haaren und tiefen Geheimratsecken, sah bedrückt vor sich hin und beachtete ihn nicht. Mit ausgebeulten Jeans und einem verwaschenen T-shirt wirkte er fast ärmlich, im Gegensatz zu seiner Begleiterin. Die blasse Schönheit mit dem kastanienbraunen gewellten Haar war geschmackvoll gekleidet. Sie zitterte am ganzen Leib und schaute tränenüberstömt zu Kupfer auf. Obwohl er in vielen Dienstjahren gelernt hatte, an einem Tatort keine Gefühle aufkommen zu lassen, tat sie ihm schon auf den ersten Blick leid. "Die Zeugen?"
Die Polizistin nickte.
"Ich komme gleich zu Ihnen", sagte er freundlich zu den beiden und ging durch die offene Tür ins Büro.
Der Tatort bot ein seltsames Bild. Das Opfer der Gewalttat lag hinter seinem Schreibtisch wie leblos auf dem Rücken. Der Mann blutete aus einer Verletzung über seinem rechten Ohr. In seinem Schnauzer hing ein rotes Papierfetzchen, und weitere Schnitzel in Rot-, Gelb- und Brauntönen waren über ihn zerstreut. Der Täter hatte allem Anschein nach ein Bild zerrissen. Den Verletzten schätzte Kupfer auf Mitte vierzig, deutlich über eins achtzig groß und stabil bis korpulent. Er war recht froh, dass er nicht zu den Rettungsassistenten gehörte, die ihn später wegtragen mussten.
 Auf dem Teppich um ihn herum glitzerten Glassplitter, die offensichtlich von dem zerbrochenen Bilderrahmen stammten, dessen dunkelgebeizten Profilleisten unter den Beinen des Verletzten hervorschauten. Zwischen seinen Knien lehnte eine bronzene Plastik: ein langer spindeldürrer menschlicher Körper, der mit an den Rumpf angelegten Beinen weit ausschritt. Die Plastik war etwas verbogen. Kupfer sah auf den ersten Blick, dass der Winkel zwischen dem Sockel und der Mittelachse der Figur erheblich von neunzig Grad abwich.
Der Notarzt kniete am Kopfende des Verletzten und betastete seine Halsschlagader. Er sah auf und sagte mit bedenklicher Miene: "Noch lebt er."
"Wäre es trotzdem möglich, diese Papierschitzel zu sichern?"
Der Notarzt zog genervt die Brauen hoch, nickte aber dann:"Das wird schon gehen." Dann wies er seine Helfer an:"Notverband, Infusion, Sauerstoffmaske, das ganze Programm."
Kupfer trat zurück, um den Rettungsassistenten nicht im Weg zu stehen und wandte sich dem Streifenpolizisten zu, den er flüchtig kannte: "Böckle, was weiß man schon?"
"Net viel. Der Verletzte hoißt Holger Wels. Dem g´hert die Firma. Dia zwoi, wo do drauße hocket, hen en so g´fonda, saget se. Aber do isch äbbes faul, dät i saga."
Von den beiden sei der Anruf gekommen, fuhr er fort. Als er angekommen sei, habe er schon vom Parkplatz aus gesehen, dass "der Kerle do draußa" sich an den Ordnern im Regal zu schaffen machte, und als er zur Tür hereinkam, stand er mit einem Ordner in jeder Hand da.
"Ond wie i den frog, was er do duot, guggt der ganz verdattert ond secht:>Ich räum auf und stell den Ordner hier ins Regal.< I han dia zwoi draußa onder Aufsicht g´schdellt."
"Schon seltsam. Wir werden ja sehen, wie er das erklären will."
"Ond no äbbes. I han dia Personalie scho uffg´nomma. Der Ma hoißt Tauscher. Ond jetzt kommt´s. Der do", er deutete auf den Verletzten, "hot nommal d´Auga uffg´macht ond oi Wort g´sait: Tauscher."