Leseproben

Leseprobe 1

Der dunkle Bergwald war still. Als nach einer starken Stunde die Bäume sich lichteten und sie schon sehen konnten, wie der Waldweg sich zur Wiesenlandschaft des Bödele hin öffnete, hörten sie Motorenlärm. Zwei Autos kamen in großem Tempo heran und bremsten so schnell ab, dass man ihre Räder im Split schleifen hörte. Die Motoren wurden abgestellt. Dann war wieder Ruhe. Keine Minute später blieb Johann plötzlich stehen und hielt Rudolph am Oberarm fest.
„Psst. Hosch du des au g’hört?“
„Noi. Nix.“
„An Hilferuf. Des war fei a Frau.“
 Sie lauschten. Und nun hörten es beide ganz deutlich. Eine Frau schrie mehrmals so laut, dass sich ihre Stimme fast überschlug. Sie kreischte um Hilfe. Dann brach ihr Ruf mitten im Wort ab, dann hörte man sie wieder.
„Hilfe! Hilfe!“
Johann nahm seine Stöcke auf und rannte los, so schnell er noch konnte, wobei sein Rucksack im Rhythmus seiner Schritte klapperte und sein Fernglas ihm gegen das Brustbein schlug. Rudolph lief etwas langsamer hinterher, in größer werdendem Abstand. Bis Johann stoppte und ihm durch Handzeichen zu verstehen gab, er solle stehenbleiben und jedes Geräusch vermeiden. Dann stand er geduckt da und schaute durch sein Fernglas wie ein Jäger im Hochgebirge kurz vor dem Schuss auf ein Stück Wild.
Rudolph trat leise an seine Seite. Und nun konnte auch er das Geschehen verfolgen, mit bloßen Augen. Er keuchte laut.
„Jetz’ schnauf doch net so laut“, zischte ihn Johann an.
Zwischen den Baumstämmen hindurch sahen sie vor dem helleren Hintergrund der Wiesen einen großen blauen Geländewagen und einen schwarzen Passat stehen. Dazwischen spielte sich ein Handgemenge ab.
„Was isch’n do los?“, flüsterte Johann mit dem Fernglas vor den Augen.
„I wois net“, antwortet Rudolph. Dabei war die Lage klar. Drei maskierte Männer in Polizeiuniformen kämpften mit einer Frau, die ein Kostüm trug, und einem Mann im dunklen Anzug. Johann stutzte.
„Was hen denn dia für komische G’sichder? Fasnetsmasge aus Plaschdik. Dia send net von d’r Bolizei.“
Zwei von ihnen hielten den Mann fest, der sich heftig zur Wehr setzte, indem er sich wand und wild um sich trat. Als der eine Gegner ihn von hinten umklammern konnte, versetzte ihm der andere rechts-links-rechts drei Faustschläge ins Gesicht.
„Aua“, kam es von Rudolph.
Dann kriegte einer ein Bein des angeschlagenen Mannes zu fassen, und sie zerrten ihn aus dem Blickfeld der beiden Beobachter. Ein schlanker, hochgewachsener Mann, der eine Mickey-Mouse-Maske trug, hielt die Frau von hinten umfasst und versuchte ihr den Mund zuzuhalten. Es fehlte ihr die Kraft, sich aus seiner Umklammerung zu lösen. Sie wand sich hin und her und versuchte, ihm rückwärts ins Gesicht zu greifen. Er konnte sich dem Griff nicht ganz entziehen. Seine Mütze fiel auf den Boden. Man sah sein langes schwarzes Haar.
Immer wieder gelang es ihm, mit der Hand ihre Schreie zu ersticken. Dann schrie er auf. Sie musste ihn gebissen haben. Einen kleinen Moment hielt er sie nur mit einem Arm und betrachtete seine Hand. In diesem Augenblick schaffte sie es, nach hinten zu greifen und ihm seine Maske herunterzureißen. Er ließ sie los und bückte sich nach seiner Maske, wobei sein fast schulterlanges schwarzes Haar sein Gesicht wie ein Vorhang verdeckte. Die Frau wandte sich kurz nach ihm um und humpelte zur Straße hin. Er setzte seine Maske wieder auf, holte sie ein, zerrte sie zurück und stieß sie zu Boden. Im selben Moment machte sich einer der anderen an den Rädern des schwarzen Passats zu schaffen. Man hörte es zischen.
„Der machd dia Reifa hee“, flüsterte Johann. „Des send koine Feine.
Gang uff d’ Seit.“ 

Leseprobe 2

Trotz ihrer Skepsis war sie mitgegangen. Auf den ersten Blick war ihr diese Halle mit den vielen Menschen, die sich unter körperlichen Anstrengungen auf dem Fleck bewegten, etwas grotesk vorgekommen. Sie schwitzten und keuchten auf Laufbändern und Crosstrainern, aber sie hatte all das Drücken, Ziehen, Pumpen und Laufen zunächst verwirrt. Dann ließ sie sich aber zu einem Crosstrainer führen und machte einfach nach, was sie bei Silke sah, und fand diese Übung gar nicht schlecht.
Als ihr der Schweiß über die Stirn lief, lachte Silke, stieg von ihrem Gerät und reichte ihr ein Stirnband.
„Hatte ich ganz vergessen. Damit du weiterhin alles klar im Blick hast“, scherzte sie.
Einen Moment hielt sie inne, um sich das Stirnband aufzusetzen. Dabei schaute sie sich um und erblickte einen großen Blonden mit breiten Schultern, der auf einem Laufband lief und sie ganz ungeniert musterte. Sie spürte, wie sie rot wurde, schaute schnell auf die andere Seite und setzte ihre Übung mit gesteigertem Einsatz fort.
 „Du kannst ja gar nicht genug kriegen“, lachte Silke, die sich über ihre besondere Anstrengung wunderte.
Nach dem Duschen saßen sie entspannt an der Bar. Cornelia fühlte sich beschwingt, amüsierte sich über die neue Umgebung und stürzte das erste Glas Orangensaft fast in einem Zug hinunter.
„Wow, ich fühle mich wie neugeboren“, sagte sie laut und reckte sich dabei.
„Das können Sie öfters haben. Sie müssen sich Ihre Extraportion Endorphine nur holen. Dieser Laden ist immer offen“, sagte eine sonore Stimme in einwandfreiem Hochdeutsch hinter ihr. Sie schaute über ihre Schulter und blickte in die blauen Augen des großen Blonden mit den breiten Schultern.
„Sie!“, sagte sie aufgekratzt. „Kommen Sie hierher, um Frauen zu beobachten?“
„Klar“, lachte er frech, „warum denn nicht? In der Königsstraße sieht man zwar mehr Frauen, aber keine so schönen und vor allem nicht so deutlich.“ Bei den letzten Worten zwinkerte er mit dem linken Auge.
„Darf ich mich vorstellen? Dr. Blomberg, Nils Blomberg“, sagte er.
Sie stellte sich und Silke vor und reichte ihm die Hand. Sein Händedruck war kraftvoll, warm und weich und umschloss Cornelias Hand einen kleinen Moment länger, als es nötig gewesen wäre.
„Sind Sie Arzt?“
„Nein, um Gottes Willen. Ich werde schon ohnmächtig, wenn ich nur eine Krankenhauspforte sehe“, übertrieb er lachend. „Nein, ich bin Wirtschaftsanwalt.“ Von Silke war ein vielsagendes Mm-mm zu hören.
„Was meinen Sie damit?“, fragte er ganz offen, und damit kam die Sprache auf ihre neu gegründete Firma, natürlich ohne dass Cornelia und Silke etwas von ihrer Vorgeschichte erzählt hätten. Sie stellten sich einfach als freie, unabhängige Frauen vor, was sie in gewisser Weise ja auch waren. Und Dr. Blomberg war taktvoll genug, alles Private im Gespräch auszusparen.
„Ich gebe Ihnen meine Karte. Falls Sie mal Fragen haben“, sagte er schließlich. „Ich denke, ich finde Sie im Telefonbuch.“
„Müssen Sie nicht“, entgegnete Cornelia, ließ sich von dem Mädchen an der Bar einen Kuli geben und schrieb ihre Privatadresse auf die Rückseite ihrer Karte. Als sie sie ihm reichte, sah sie ihm lächelnd in die Augen.