Leseproben

Leseprobe 1

Die Wasserfläche war so glatt, als sei sie schon seit Stunden nicht mehr aufgewühlt worden. Hinter der Glasfront lösten sich aus dem Morgendunst die Silhouetten einiger Pappeln, die sich im Becken spiegelten. Das Landschaftsbild überlagerte das Raster der hellblauen Fliesen und schwarzen Längsstreifen des Beckens, das in dieser Regungslosigkeit wie ein doppelt belichtetes Foto wirkte. Immer wieder genoß er das Bild. Schon deswegen schwamm er meistens, so lange es ging. Er vertiefte sich gerne einen Moment in diesen Anblick, ehe irgendwelche Schulklassen mit gellendem Geschrei Viertel vor acht das Hallenbad stürmten.
Als er sich gerade abwendete, hörte er ein Röcheln, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Eine Kabinentür klappte zu, als träte jemand dagegen. Schnelle Schritte entfernten sich, Gummisohlen, die auf den Fliesen leicht quietschten. Er lauschte. Die Schritte verklangen. Dann Stille. Er ging zu seinem Spind und schloß auf. Wieder hörte er ein Geräusch, das er nicht einordnen konnte. Es war, als streiche jemand kräftig mit der Hand über eine der vielen Kabinentüren. In seinem Kabinengang. Nur einen Moment, dann war es wieder still. OW lauschte kurz dem Geräusch nach. Dann setzte er seine Brille auf, auch seine Mütze, damit er sie nicht vergaß, nahm den Bügel mit den Kleidern und seine Schuhe und begab sich in die Familienkabine am Ende des Ganges, die um diese Zeit sicher von keiner Familie beansprucht wurde. Er griff noch einmal zu seinem Frotteetuch, spannte es über seinen Rücken und zog es hin und her. Dabei schaute er in den Spiegel und sah, dass sein rechtes Auge vom Chlorwasser leicht gerötet war. Er musste sich unbedingt eine neue Schwimmbrille kaufen, dachte er. Schon wieder bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn. Er fuhr sich mit dem Handtuch über den Kopf. Dann setzte er sich auf die Bank, um seine Füße abzutrocknen.
OW mußte zweimal hinsehen, ehe er begriff. Auf dem Boden der Nachbarkabine hatte sich eine Blutlache gebildet. Sie weitete sich weiter aus, kam näher, war schon fast an seinem Fuß. Nackt, wie er war, stieg er auf die Bank und schaute über die gelbe Wand in die Nachbarkabine. Auf den Boden lag ein Mann auf dem Rücken. Unter seiner linken Hand, die den Hals verdeckte, quoll Blut hervor. Kopf und Schultern lehnten an der Tür. Sein Kopf war auf die Seite geneigt. Das Blut lief über seine linke Brust, troff über seine Rippen und bildete auf den Fliesen eine immer größere Lache. Der Mann trug noch seine Badehose. Der rote Plastikbügel mit dem schwarzen Netz und seiner Unterwäsche lag auf seinem Bauch.
OW sprang von der Bank, schlüpfte in Unterhose und Jeans, war mit zwei, drei Schritten an der Tür der Nachbarkabine und versuchte sie aufzudrücken. Sie war nicht zugesperrt, aber sie gab nur schwer nach. Er lehnte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen. Da rutschte der Fuß des Mannes, der auf einem Stiefel liegend die Tür blockiert hatte, von der Unterkante des Türblatts ab und schnappte darunter durch. Die Tür flog auf. OW verlor die Balance und fiel in die Kabine.

Leseprobe 2

Kreative Vermögensverwaltung (aus einem Telefongespräch vom Dezember 2003)

Sannwald: „Und wie läuft es bei dir?“
Baumgartner: „Nicht mehr gut. Die besten Zeiten sind vorbei. Alles nur Kleinkram.“
Sannwald: „Wie das?“
Baumgartner: „Weißt du, vor acht bis zehn Jahren, da liefen noch die ganzen
Rückführungsanträge. Tausende wollten ihre Immobilien zurückbekommen, die die DDR enteignet hatte. Und sie kriegten sie ja auch zurück. Meistens waren das Erbengemeinschaften, die gar nicht so recht wussten, wie sie nun mit dem unerwarteten Vermögen umgehen sollten. Da war noch Geld zu machen, meine große Stunde sozusagen. Nur deswegen bin ich ja zu den Ossis gegangen. Es gab jede Menge Verträge zu machen, Geldanlagen, Grundbucheintragungen und so weiter und so fort. Du glaubst gar nicht, was da alles lief. Es waren goldene Zeiten. Vor allem auch die Vermögensverwaltung. Die hat sich ganz zwangsläufig daraus ergeben.“
Sannwald: „Aber du willst damit nicht sagen, dass jetzt gar nichts mehr läuft.“
Baumgartner: „Klar. Es läuft schon noch was. Aber eben nur Kleinkram, wie ich schon sagte. Was ich damals in einer Woche machte, kommt jetzt kaum in einem Monat rein.“
Sannwald: „Na ja, davon muss aber noch ein bisschen was übrig sein. Wenn ich mich richtig entsinne, hast du dir doch damals im Osten eine goldene Nase verdient.“
Baumgartner: „Schon. Aber die laufenden Kosten, du glaubst es nicht: das Haus, die Autos. Und das mit der Jacht, das hätte ich einfach lassen sollen. Die kostet zu viel, ohne dass du nur einmal ausläufst, und mit den Spritpreisen zurzeit, da hast du keine Freude mehr dran und kriegst sie aber auch nicht los. Ich war diesen Sommer gerade mal vier Tage in Rijeka, aber Miete für den Liegeplatz zahle ich jeden Monat.“
Sannwald: „Und deine Immobilien?“
Baumgartner: „Das war auch so ein Schuss in den Ofen. Es konnte doch keiner annehmen, dass so eine Völkerwanderung nach Westen einsetzen würde. Zwei von meinen fünf Wohnungen stehen leer, Schrottimmobilien, die mir so ein Schweinepriester angedreht hat. Der hat verkauft und ist über alle Berge, und ich muss die Kredite bedienen. Wenn das null zu null aufgeht, dann habe ich Glück, mein Lieber. Ich würde ja den ganzen Bettel verkaufen, aber dann mach ich nur Miese, abgesehen davon, dass diese Zweizimmerwohnungen sowieso keiner mehr will. Und die Mieten kannst du inzwischen vergessen. Vom großen Geld kann also nicht mehr die Rede sein.“
Sannwald: „Und wie viel Kapital verwaltest du?
Baumgartner: „So an die fünfzehn Millionen.“
Sannwald: „Ja aber dann können wir doch was machen.“
Baumgartner: „Wie meinst du das?“
Sannwald: „Wir sollten wieder einmal zusammen schwimmen gehen. Dann verklicker ich dir alles. Kreative Vermögensverwaltung eben.“