Leseproben

aus Sarahs Tagebuch

 

 

 

Wie ich der das gönne! Jetzt ist die Katze aus dem Sack. Silvies Mutter ist manchmal schon ein schlimmes Schandmaul, aber diesmal tut mir das Geschwätz der alten Petze richtig gut!

Mama war beim Frühstück ganz anders als sonst. Sie war ernst, hat kaum was gesagt. Erst dachte ich, sie hat Zoff mit Papa. Aber der saß ja daneben und haute sich sein Frühstücksei rein wie immer. Beim Abräumen sagte sie dann zu Sina, dass sie mit ihr jetzt gleich allein sprechen wollte. Sina bekam so eine Bombe und fragte nicht einmal warum. Dann musste sie mit Mama in die Küche. Ich und Sandra sollten nicht zuhören. Das ginge uns nichts an, sagte Papa. Nicht zuhören? Lächerlich! Die waren laut genug, vor allem Sina. Sie keifte was von Geschwätz, Verleumdung, Lügen, Mama sollte bloß nicht denken, sie sei so blöd. Aber dann wurde das Gespräch leise. Mama fing sicher an zu zischeln, wie sie es immer tut, wenn sie besonders böse wird. Dafür fing Sina an zu kreischen. Das wäre das Letzte, dass ihre Mutter so etwas von ihr denkt. Sie ist ausgeflippt, voll hysterisch war sie. Mama zischte noch etwas von Schande, was ich nicht ganz verstehen konnte. Kann mir’s aber denken. Dann knallte Sina die Küchentür hinter sich zu und schloss sich in ihr Zimmer ein.

 

 

Später kam Mama in mein Zimmer geschlichen und wollte wissen, ob ich das Gerede über Sina und Blech auch schon gehört hätte. Peinliche Situation! Ich sagte, dass ich schon einmal so etwas gehört hätte, aber dass ich es nicht geglaubt hätte. Ich will doch nicht auch noch Zoff wegen der verlogenen Ziege!

 

Elsbeth haut´s um

Es war ein sonniger Vormittag so gegen halb elf. Elsbeth Ruckhaberle war auf dem Heimweg. Sie hatte in der Apotheke an der Unterjesinger Straße einen Gallen- und Lebertee gekauft und sich beim Zuckerbeck nebenan noch ein süßes Stückle gegönnt. Schwerfällig bewegte sie sich die Bricciusstraße in Richtung Kirche entlang. Auf der Höhe vom Rössle begegnete sie ihrer Nachbarin, der Frau Biesinger. Es kam ihr nicht ungelegen, einen Moment in der Sonne stehen bleiben zu können und mit jemandem zu reden. Schließlich hatte sie noch mehr als den halben Weg vor sich, und das auch noch bergauf. Frau Biesinger hatte eine große Einkaufstasche dabei und schien in Eile zu sein.

„Jetzt griaß Gott Marie, wo willsch du so schnell na?“

„Ich? Zum Bäcker. Wir haben kein Brot mehr, und heute habe ich keine Zeit zum Backen. Bei dem schönen Wetter muss man unbedingt in den Garten.“

„Ja, des will i heit au no.“

„Ach Elsbeth, wo ich dich gerade treffe. Ich habe von meiner Schwester so viele Salatsetzlinge gekriegt, dass ich gar nicht alle in mein Frühbeet hineinbringe. Willst du nicht ein paar?“

„Omsonschd? Oafach so?“

„Na klar. Von dir nehme ich doch kein Geld.“

„Ja no nemme se. Vergelts Gott.“

„Ich schlag sie dann in eine Zeitung ein und leg´ sie dir vor der Haustür in den Schatten.“

„Isch guot. Bis nochher. I glaub, i sieh di heit nommol.“

„Ade Elsbeth.“

Elsbeth Ruckhaberle freute sich über die Aussicht auf Salatsetzlinge umsonst und stapfte gut gelaunt den Anstieg zur Kirche hinauf. Dort blieb sie einen Moment stehen und verschnaufte noch einmal. Dann ging sie schnell nach Hause, um ihr Frühbeet herzurichten.

Auf Marie Biesinger war Verlass. Als Frau Ruckhaberle nach dem Mittagsschläfchen vor ihre Tür schaute, lag da ein in Zeitungspapier eingeschlagenes Bündel prächtiger Salatsetzlinge, die ihr Kleingärtnerinnenherz höher schlagen ließen. Sie nahm es auf, legte es auf die Gartenbank, öffnete es und strich das Zeitungspapier glatt. Sie wollte das Bündel vorsichtig auseinandernehmen und die Setzlinge zählen. Schließlich musste sie doch wissen, wie viele Reihen das geben würde. Aber wie sie so dabei war, kniff sie plötzlich die Augen zusammen und starrte auf eine Überschrift. Sie ließ alles stehen und liegen und ging ins Haus, um ihre Lesebrille zu holen. „Mord im Gymnasium“ las sie. Um Gottes Willen, doch nicht da, wo der Blech schafft, dachte sie, und machte sich an die genaue Lektüre dieses Artikels. Zwischen Sproll- und Winghoferstraße, ja das ist doch dort, wo der schafft. In der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag ist das passiert. War das nicht die Nacht, in der sie so schlecht schlief? Da machte doch der Blech so einen höllischen Krach. Sie ging ins Haus zurück und schaute an der Innenseite der Küchentür auf den Müllkalender. Jawohl, am Donnerstag war der Restmüll abgeholt worden. Und das war die Nacht davor gewesen.

Die Salatsetzlinge waren vergessen. Elsbeth Ruckhaberle ging über die Straße und klingelte Sturm bei Familie Biesinger.