So zerronnen - Leseprobe 2

Trotz ihrer Skepsis war sie mitgegangen. Auf den ersten Blick war ihr diese Halle mit den vielen Menschen, die sich unter körperlichen Anstrengungen auf dem Fleck bewegten, etwas grotesk vorgekommen. Sie schwitzten und keuchten auf Laufbändern und Crosstrainern, aber sie hatte all das Drücken, Ziehen, Pumpen und Laufen zunächst verwirrt. Dann ließ sie sich aber zu einem Crosstrainer führen und machte einfach nach, was sie bei Silke sah, und fand diese Übung gar nicht schlecht.
Als ihr der Schweiß über die Stirn lief, lachte Silke, stieg von ihrem Gerät und reichte ihr ein Stirnband.
„Hatte ich ganz vergessen. Damit du weiterhin alles klar im Blick hast“, scherzte sie.
Einen Moment hielt sie inne, um sich das Stirnband aufzusetzen. Dabei schaute sie sich um und erblickte einen großen Blonden mit breiten Schultern, der auf einem Laufband lief und sie ganz ungeniert musterte. Sie spürte, wie sie rot wurde, schaute schnell auf die andere Seite und setzte ihre Übung mit gesteigertem Einsatz fort.
 „Du kannst ja gar nicht genug kriegen“, lachte Silke, die sich über ihre besondere Anstrengung wunderte.
Nach dem Duschen saßen sie entspannt an der Bar. Cornelia fühlte sich beschwingt, amüsierte sich über die neue Umgebung und stürzte das erste Glas Orangensaft fast in einem Zug hinunter.
„Wow, ich fühle mich wie neugeboren“, sagte sie laut und reckte sich dabei.
„Das können Sie öfters haben. Sie müssen sich Ihre Extraportion Endorphine nur holen. Dieser Laden ist immer offen“, sagte eine sonore Stimme in einwandfreiem Hochdeutsch hinter ihr. Sie schaute über ihre Schulter und blickte in die blauen Augen des großen Blonden mit den breiten Schultern.
„Sie!“, sagte sie aufgekratzt. „Kommen Sie hierher, um Frauen zu beobachten?“
„Klar“, lachte er frech, „warum denn nicht? In der Königsstraße sieht man zwar mehr Frauen, aber keine so schönen und vor allem nicht so deutlich.“ Bei den letzten Worten zwinkerte er mit dem linken Auge.
„Darf ich mich vorstellen? Dr. Blomberg, Nils Blomberg“, sagte er.
Sie stellte sich und Silke vor und reichte ihm die Hand. Sein Händedruck war kraftvoll, warm und weich und umschloss Cornelias Hand einen kleinen Moment länger, als es nötig gewesen wäre.
„Sind Sie Arzt?“
„Nein, um Gottes Willen. Ich werde schon ohnmächtig, wenn ich nur eine Krankenhauspforte sehe“, übertrieb er lachend. „Nein, ich bin Wirtschaftsanwalt.“ Von Silke war ein vielsagendes Mm-mm zu hören.
„Was meinen Sie damit?“, fragte er ganz offen, und damit kam die Sprache auf ihre neu gegründete Firma, natürlich ohne dass Cornelia und Silke etwas von ihrer Vorgeschichte erzählt hätten. Sie stellten sich einfach als freie, unabhängige Frauen vor, was sie in gewisser Weise ja auch waren. Und Dr. Blomberg war taktvoll genug, alles Private im Gespräch auszusparen.
„Ich gebe Ihnen meine Karte. Falls Sie mal Fragen haben“, sagte er schließlich. „Ich denke, ich finde Sie im Telefonbuch.“
„Müssen Sie nicht“, entgegnete Cornelia, ließ sich von dem Mädchen an der Bar einen Kuli geben und schrieb ihre Privatadresse auf die Rückseite ihrer Karte. Als sie sie ihm reichte, sah sie ihm lächelnd in die Augen.

© Dietrich Weichold