So zerronnen - Leseprobe 3

Als Kupfer und OW ins Stadion kamen, waren die Tribünen schon halb belegt. Ihre Plätze fanden sie auf der EnBW-Tribüne ziemlich weit oben. Allmählich füllte sich das Stadion vollends, die Cannstatter Kurve wurde mehr und mehr vom Rot-Weiß der VfB-Fans eingefärbt.
„Und? Was sagst du jetzt?“, fragte Kupfer, als sie sich gesetzt hatten.
„Super. Ein tolles Raumgefühl – gigantisch. Man ist doch näher am Spielfeld, als ich dachte. Wenigstens wirkt es so.“
„Siehst du, wahrscheinlich vergisst du dann ganz, dass du dieses Ding da mitgenommen hast.“ Dabei deutet er auf den Feldstecher, der jetzt auf OWs Knien lag.
Aber OW ließ sich nicht beirren. Er nahm das Glas hoch und ließ seinen Blick durch das Rund der Arena schweifen.
„Mal schauen, ob ich irgendwelche Bekannte sehe“, lächelte er. „Leute beobachten, die sich nicht beobachtet fühlen, kann schon Spaß machen.“
„Spanner!“
Kupfer betrachtete ihn nachsichtig wie ein Kind, dem man eine ungezogene Marotte nicht abgewöhnen kann.
„Schau doch mal selbst durch“, sagte OW und reichte ihm nach einer Weile das Fernglas. Kupfer griff zögernd zu und setzte es an die Augen.
„Hmm, nicht schlecht. Das holt die Leute schon ran, das muss ich zugeben, und man kann sich damit die Zeit vertreiben, bis ...“ Er redete nicht weiter.
„Bis was?“, fragte OW, der gerade mit seiner Thermoskanne beschäftigt war. „Wen oder was siehst du?“
„Ich glaub’s nicht, ich glaub’s nicht. Da drüben sitzt der Typ, der mit der Baumgartner im Bregenzer Wald war. Das ist er, ganz klar.“
Fast ihnen gegenüber, aber unten in der dritten Reihe auf Höhe des Strafraums saß Dr. Blomberg und hatte neben sich einen Platz frei.
„Wo? Welchen meinst du?“
„Du musst von der Strafraumecke genau nach oben gehen. Dann siehst du in der dritten Reihe einen Blonden in einer kackbraunen Lederjacke sitzen. Rechts von ihm, von uns aus gesehen, ist noch frei.“
Er gab OW das Glas zurück.
„Warum soll der nicht zum Fußball gehen, wenn sogar ich hingehe“, tat er die Sache ab.
„Ja, warum eigentlich nicht“, stimmte ihm Kupfer zu.
Fünf Minuten vor dem Anpfiff schaute OW noch einmal in die Runde. Neununddreißigtausend Zuschauer füllten die Tribünen, die nicht vom laufenden Umbau beeinträchtigt waren, und warteten gespannt auf die Begegnung des VfB mit Barcelona. Man hoffte auf ein gutes Spiel. Nach langer Flaute war der VfB mit einem neuen Trainer wieder im Aufstieg begriffen und hatte erst vor ein paar Tagen fünf zu eins gegen Köln gewonnen. Vier Tore hatte Cacau geschossen, Helmut, der Brasilianer mit dem neuen deutschen Pass. Hier und da hörte man schon eine Tröte, in einem Fanblock erhob sich ein halbherziger Gesang und flaute wieder ab. Das Dach über der Tribüne ließ die neununddreißigtausend Stimmen nicht gegen den Himmel aufsteigen und warf sie, zu einem Raunen gedämpft, wieder herunter.
„Jetzt sitzt einer neben ihm“, sagte OW plötzlich.
„Wer? Gib her!“ Kupfer griff energisch nach dem Glas. Er riss es fast an sich.
„He he“, lachte OW, „jetzt geht’s aber los.“

© Dietrich Weichold