Börsenfeuer - Leseprobe 2

Kreative Vermögensverwaltung (aus einem Telefongespräch vom Dezember 2003)

Sannwald: „Und wie läuft es bei dir?“
Baumgartner: „Nicht mehr gut. Die besten Zeiten sind vorbei. Alles nur Kleinkram.“
Sannwald: „Wie das?“
Baumgartner: „Weißt du, vor acht bis zehn Jahren, da liefen noch die ganzen
Rückführungsanträge. Tausende wollten ihre Immobilien zurückbekommen, die die DDR enteignet hatte. Und sie kriegten sie ja auch zurück. Meistens waren das Erbengemeinschaften, die gar nicht so recht wussten, wie sie nun mit dem unerwarteten Vermögen umgehen sollten. Da war noch Geld zu machen, meine große Stunde sozusagen. Nur deswegen bin ich ja zu den Ossis gegangen. Es gab jede Menge Verträge zu machen, Geldanlagen, Grundbucheintragungen und so weiter und so fort. Du glaubst gar nicht, was da alles lief. Es waren goldene Zeiten. Vor allem auch die Vermögensverwaltung. Die hat sich ganz zwangsläufig daraus ergeben.“
Sannwald: „Aber du willst damit nicht sagen, dass jetzt gar nichts mehr läuft.“
Baumgartner: „Klar. Es läuft schon noch was. Aber eben nur Kleinkram, wie ich schon sagte. Was ich damals in einer Woche machte, kommt jetzt kaum in einem Monat rein.“
Sannwald: „Na ja, davon muss aber noch ein bisschen was übrig sein. Wenn ich mich richtig entsinne, hast du dir doch damals im Osten eine goldene Nase verdient.“
Baumgartner: „Schon. Aber die laufenden Kosten, du glaubst es nicht: das Haus, die Autos. Und das mit der Jacht, das hätte ich einfach lassen sollen. Die kostet zu viel, ohne dass du nur einmal ausläufst, und mit den Spritpreisen zurzeit, da hast du keine Freude mehr dran und kriegst sie aber auch nicht los. Ich war diesen Sommer gerade mal vier Tage in Rijeka, aber Miete für den Liegeplatz zahle ich jeden Monat.“
Sannwald: „Und deine Immobilien?“
Baumgartner: „Das war auch so ein Schuss in den Ofen. Es konnte doch keiner annehmen, dass so eine Völkerwanderung nach Westen einsetzen würde. Zwei von meinen fünf Wohnungen stehen leer, Schrottimmobilien, die mir so ein Schweinepriester angedreht hat. Der hat verkauft und ist über alle Berge, und ich muss die Kredite bedienen. Wenn das null zu null aufgeht, dann habe ich Glück, mein Lieber. Ich würde ja den ganzen Bettel verkaufen, aber dann mach ich nur Miese, abgesehen davon, dass diese Zweizimmerwohnungen sowieso keiner mehr will. Und die Mieten kannst du inzwischen vergessen. Vom großen Geld kann also nicht mehr die Rede sein.“
Sannwald: „Und wie viel Kapital verwaltest du?
Baumgartner: „So an die fünfzehn Millionen.“
Sannwald: „Ja aber dann können wir doch was machen.“
Baumgartner: „Wie meinst du das?“
Sannwald: „Wir sollten wieder einmal zusammen schwimmen gehen. Dann verklicker ich dir alles. Kreative Vermögensverwaltung eben.“

© Dietrich Weichold