Börsenfeuer - Leseprobe 3

Gespräch über Leerkäufe

„Stellen Sie sich vor, der Kollege Kleinschmidt vom LKA kann nachweisen, dass diese Vermögensverwaltung im Moment insgesamt 500 Millionen Miese, Außenstände oder Schulden hat, das weiß man allerdings noch nicht genau. Die Burschen sind mit schwindelerregenden Summen umgegangen.“
„Und wie sind die an so viel Geld herangekommen? Das kriegt man doch nicht so einfach von einer Bank?“
„Garantiert zum Teil durch Betrug und wahrscheinlich zum Teil durch so genannte Leerverkäufe.“
„Leerverkäufe? Was ist denn das?“
„Ganz einfach. Ich leihe mir etwas und verkaufe es teuer. Dann kaufe ich es billig wieder zurück“, erklärte er geheimnisvoll.
„Und das geht?“ Paula Kußmaul schaute ihn ungläubig an.
 „Klar geht das. Und wie das geht! Also zum Beispiel, sagen wir mal, ich verkaufe Ihnen heut zehn Zentner Mostäpfel für 8 € ...“
„Aber so viel hat es diesen Herbst für den Zentner nicht gegeben.“
„Also gut. Dann halt bloß für 6 €. Und dann kaufe ich sie Ihnen zwei Wochen später für 3 € wieder ab. Dann habe ich pro Zentner 3 € verdient. Die Rendite von meinem Geschäft liegt dann bei 50 %. Verstehen Sie?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Was ist denn, wenn ich das Obst gleich vermoste?“
„Das geht nicht.“
„Wieso denn nicht? Ich kann doch mosten, wann ich will. Und bevor des Obst fault, tät ich gleich mosten. Und was ist denn dabei leer? Erst ist das Obst im Sack und dann haben Sie das Geld und ich meinen Most. Das Fässle ist voll. Und außerdem wär’ ich ja sowieso blöd, wenn ich Ihnen das zum halben Preis wieder verkaufen würde. So geht man mit dem Geld nicht um.“
Kupfer dachte einen Moment nach.
„Okay, nehmen wir ein anderes Beispiel. Ich leihe mir etwas ganz Teures, was ich mir eigentlich nicht leisten kann, zum Bespiel einen Tanker voll Rohöl.“
„Was? Und den leiht Ihnen einer? Wer denn?“
„Weiß ich auch nicht. Ist ja bloß ein Beispiel. Und ich behalte ihn ja auch nicht, sondern verkaufe ihn für, sagen wir mal, hm, 50 Millionen an Herrn X.“
„Wer ist das?“
„Weiß ich auch nicht. Ist ja bloß ein Beispiel. Und dann erzähl ich herum, dass es gerade so viel Öl gibt, dass es ganz billig wird. Und dann wird es billig. Und dann kauf ich den Tanker Öl für vielleicht 40 Millionen wieder zurück und gebe ihn dann dem zurück, der ihn mir geliehen hat.“
„Und warum ist der so ungeschickt und macht das nicht selbst?“
„Weil er zu faul dazu ist. Was ich mache, ist halt recht aufregend. Da muss man Fuchs und Has sein. Und der Eigentümer braucht bloß irgendwo in seiner Villa zu sitzen und die Hand aufzuhalten und von mir die Leihgebühr zu kassieren. Zwischen mir und dem herrscht sozusagen eine Win-win-Situation, er gewinnt und ich gewinne.“
„Immer? Das wäre ja dann ganz einfach.“
„Ja und da liegt der Hund begraben. Eben nicht immer.“
„Warum? Sie sagen doch allen, dass das Öl billiger wird. Warum klappt das dann nicht?“
„Da steckt man nicht ganz drin. Wenn jetzt nämlich zwischendurch ein Wirbelsturm über den Golf von Mexiko fegt oder bei den Saudis eine Pipeline platzt, dann wird der Stoff auf einmal viel teurer.“
„Ja und dann?“
„Dann muss ich meine Leihgebühr und die Differenz bezahlen. Also wenn jetzt der Tanker auf einmal 70 Millionen wert ist, dann habe ich 20 Millionen plus Leihgebühren Miese.“
„Das ist ja entsetzlich. Da geht man ja kaputt.“
„Eben.“

© Dietrich Weichold