Leseprobe 1

Der Kommissar und die Sekretärin

„Scho wieder Mannsbilder, ond glei zwoi“, schimpfte sie und zog die Tür geräuschvoll hinter sich zu. Erna Reichert machte eine abwehrende Handbewegung, als wollte sie eine lästige Fliege verscheuchen. In ihren engen schwarzen Leggins mit großen weißgelben Blumen darauf und einer Bluse in glänzendem Orange hätte sie als Reklamefigur für Retro-Wels dienen können. Ihr blondiertes Haar fiel ihr in einem kurzgeschnittenen Pony über die Stirn, und hinter der darüber stehenden Bürste ergossen sich ihre Sauerkrautlocken auf ihre schmalen Schultern. Aus ihrer Wohnung drang das hohe, flache Kläffen eines kleinen Hunds.

Sie zitterte vor Aufregung.

„Guoda Morga, kommetse rei“, sagte sie schüchtern und ging voran.

„Butzilein, sei doch schdill, s’isch älles guod“, sagte sie vor der Küchentür. Man hörte nur noch ein leises Knurren.

„Jetz’, was isch?“

Als sie hörte, was passiert war, schien sie zunächst zusammenzubrechen. Aschfahl im Gesicht versank sie in ihrem giftgrünen Clubsesselchen und zitterte am ganzen Leib. Feinäugle griff nach der Teekanne, die vom Frühstück her noch auf dem Tisch stand, und goss ihr eine Tasse ein.

„Da, trinken Sie.“

Sie trank in kleinen Schlucken. Dann stellte sie die Tasse ab und sagte:

„Danke. Des isch scho a Schlag. Wo soll i jetz’ macha? Wo soll i jetzt schaffa? Kennet Sia mir des saga?"

„Leider nicht, Frau Reichert. Wären Sie in der Lage, uns ein paar Fragen zu beantworten?“

Erna Reichert, alleinstehend, fünfundvierzig Jahre alt, hatte am Vorabend gegen halb fünf Feierabend gemacht und war auf dem Heimweg einkaufen gegangen. Als sie kurz nach sechs nach Hause kam, hörte sie ihren Anrufbeantworter ab. Wels hatte sie kurz zuvor angerufen und dringend gebeten, sie möge ihn sofort zurückrufen. Das habe sie getan, aber sie habe ihn nicht erreicht, obwohl sie es mehrfach versucht habe und es jedes Mal lange habe klingeln lassen.

„Do war där scho do“, sagte sie unter Tränen.

„Wer? Wen meinen Sie?“

„Was woiß i? Dr Stampfer oder dr Gunno oder dr Tauscher. Dr Wels hot jo grad mit älle Krach g’het.“

„Warum?“

„Woiß doch i net.“

„Und Sie? Hatten Sie auch Krach mit ihm oder mochten Sie ihn?“

„I han koin Krach mit em g’het. Aber i han en au net arg möga. Er war halt arg geizig.

I han halt dort emmer no g’schafft, weil i mei Hondle zom Schaffe mitnemma han derfa.“

„Und wer sind Stampfer und Gunno?“

„Dr Stampfer hot emmer Bilder von em kauft. Der hot Geld. Dem g’heart a Fabrikle draußa uff dr Hulb, der macht irgendäbbes fir’n Daimler. Der war neilich erschd do, ond do hen se sich uffm Parkplatz draußa ag’schria, i han denkt, dia deand sich äbbes. Aber i woiß net worom.“

„Und warum hatte Wels mit Tauscher Ärger?“

„Weil er deam Geld schuldat.“

„Viel?“

„I glaub’ scho, aber i woiß nix Gnaus.“

„Und wer ist Gunno?“

„Dr Gunno? Halt au so oiner, mit dem er g´handelt hot.“ Sie machte eine Pause. „Der isch manchmol obeds komma. Sonschd woiß i nix vo deam, gar nix.“

„Hat Wels denn sehr viel mit Bildern gehandelt? In seinem Ausstellungsraum sind mir gestern keine Bilder aufgefallen, da waren nur Möbel“, forschte Kupfer nach.

„Doch, emmer wieder. Dia Bilder send em Magazin. Des mit de Mebel isch jo scho lang nemme so guod gloffa. Do isch nix damit verdeant, hot dr Wels gsait.“

„Aber das Geschäft mit Bildern lief gut?“

Das, meinte Erna Reichert, könne sie nicht beurteilen. Mit Buchhaltung sei sie nur in Ausnahmefällen betraut worden. Trotzdem sei ihr klar, dass Wels in letzter Zeit sehr zu kämpfen gehabt hatte. Und manches habe sie überhaupt nicht verstehen können. Sie habe zum Beispiel mitbekommen, dass Wels vor kurzem 180 000 Euro an einen Kunsthändler in Köln überwiesen habe.

„Isch doch komisch, oder? Er hot dem äbbes gliefert ond hot no äbbes zahlt. Des hot’s sonschd nia gäba.“

Wels habe zwei riesige Bilder verkauft, die schon ein Jahr in seinem Magazin herumgestanden seien, ergänzte sie. Und vor ein paar Wochen, als es noch heißer war als jetzt, habe sie immer mit anpacken müssen. Dann seien diese Bilder hinter dem Magazin in die Sonne gestellt worden. Kurz vor Feierabend habe man sie wieder hereingeholt, und sie habe sie jeden Abend vorsichtig abstauben müssen.

„Des isch doch verruckt. Wär vorschdoht au des?“

Aber genau diese Bilder waren es, für die Wels auch noch bezahlt habe, statt Tauscher endlich einmal etwas zu geben. Schließlich seien die Bilder von einem Lkw mit Kölner Nummer abgeholt worden. ...

„Auch wenn Sie, wie Sie sagen, wenig mit der Buchhaltung zu tun hatten, wissen Sie doch vielleicht ungefähr, um welche Summen es bei dem Handel mit Bildern im Allgemeinen ging. Waren das immer so große Beträge? Was haben die beiden von Wels bekommen?“

Darauf konnte die Frau nichts Genaues antworten. Diese Rechnungen seien nicht über ihren Tisch gegangen, und von diesem Riesenbetrag, den Wels nach Köln überwiesen hatte, wisse Sie auch nur, weil die Überweisung ausnahmsweise von einem der sogenannten Möbelkonten gemacht worden sei. ...

 Wenn im Möbelgeschäft nicht mehr viel los gewesen war, wie sie erklärt hatte, dann habe es doch gar nicht genug Arbeit für sie gegeben. Dem widersprach sie heftig. Wels habe sich zum Beispiel keinen Lastwagen geleistet, dazu sei er zu geizig gewesen.

„Wenn i oin brauch’, kenn i oin, der oin hot. Ond den zahl i, solang i den brauch’, ond koi Schdond länger. I ben doch net bled“, habe er immer gesagt. Und so habe sie wegen jeder kleinen Fuhre nach der billigsten Möglichkeit schauen müssen. ...  Sie habe den Möbelladen geschmissen, nicht ihr Chef.

„Noch eine Frage: Wie es aussieht, hat der Täter etwas zerrissen und die Papierfetzen über Wels verstreut. Das muss ein Bild gewesen sein mit viel Rot-, Gelb- und Brauntönen. Sagt Ihnen das was?“

„Vielleicht“, meinte sie zögernd. „Do isch en ledschder Zeit so a klois Bildle em Ausschdellungsraum g’hengt, glei näba dr Birrodiar. Des kennt’s sei. Vor a baar Wocha hot er mol mit em Tauscher iber des Bildle g’stridda. Des sei nix wert, hot dr Tauscher g’sait.“

„Können Sie  das Bild beschreiben?“

„Noi, mir hot’s net g’falla.“

 Ein Brandanschlag

Kurz darauf, sie hatten Böblingen noch nicht einmal erreicht, setzte ein Platzregen ein, so dass Helene das Gas wegnahm und langsamer weiterfuhr.

„Gottseidank können wir gleich von der Autobahn runter“, sagte sie vor sich hin, wandte sich dann plötzlich Tauscher zu und fragte:

„Bist du sicher, dass bei uns alle Fenster zu sind?“

„Glaub’ schon.“

„Auch im Atelier?“

Tauscher antwortete nicht.

„Hallo, ich frag’ dich was: Hast du in deinem Atelier alle Fenster zugemacht?“

„Darüber denke ich gerade nach. Ich weiß nicht.“

„Dann kannst du nachher gleich aufwischen. Das schaffst du doch noch?“

„Ehrensache.“

Auf der Höhe des Sindelfinger Bahnhofs fuhr Helene rechts ran und stellte das Auto mit zwei Rädern auf den Gehsteig.

„Ich sehe gar nichts mehr. Hoffentlich fährt jetzt keiner hinter drauf.“

Ein paar Autos passierten sie langsam, und eben wollte auch Helene es wieder wagen, als plötzlich Hagel auf Dach und Windschutzscheibe trommelte.

„Das kommt genau von Nordwesten“, bemerkte Helene. „Wenn deine Atelierfenster nicht zu sind, musst du die Hagelkörner rausschaufeln.“

„Jetzt mal’ nicht den Teufel an die Wand. Vielleicht hab’ ich sie doch zugemacht.“

„Optimist, du unverbesserlicher.“

„Ach, jetzt hör’ halt auf zu unken“, sagte Tauscher leicht gereizt.

So plötzlich, wie der Hagel begonnen hatte, hörte er auch wieder auf, und der Starkregen flaute zu einem Landregen ab.

Als sie durch Maichingen fuhren, waren die Straßen noch weiß.

„Hier muss ja mächtig was los gewesen sein“, sagte Helene besorgt.

Tauscher sah schweigend geradeaus, bis sie am Ortsrand in ihre Einfahrt einbogen.

„Wie im Winter“, sagte Tauscher und stieg aus. Die Hagelkörner knirschten unter seinen Sohlen.

Er betrat sein Atelier und drückte auf den Lichtschalter. Ehe die Neonröhren aufleuchteten, knallte ein starker Luftzug hinter ihm die Tür ins Schloss.

„Autsch“, sagte er vor sich hin.

Die Neonröhren flammten auf, und er sah die ganze Bescherung. Das Wasser stand auf dem Dielenboden, Hagelkörner lagen im Raum verteilt. Aber das Oberlicht an der Nordwestwand stand doch gar nicht offen. Erst auf den zweiten Blick sah er die Glasscherben, die auf seinem Arbeitstisch darunter lagen. Und was war das?

Auf und zwischen seinen Farbtuben und Flaschen mit Terpentin, Alkohol und anderen Chemikalien lag etwas Wolliges, blaugrün war es, und als er herantrat roch er das Leinöl. Ein Haufen Putzwolle, den er kaum mit zwei Händen fassen konnte, lag auf seiner Arbeitsplatte. Obwohl es die Wolle nassgeregnet hatte, war sie noch warm, wo sie nicht sehr nass geworden war, sogar heiss.

Tauscher war mit einem Schlag wieder klar im Kopf.

„Helene“, rief er, „Helene!“

Die Tür ging auf.

„Schöne Sauerei! Habe ich nicht Recht gehabt?“

Tauscher drehte sich um und schüttelte den Kopf. Er hob etwas von der Putzwolle hoch und roch noch einmal daran.

„Schau mal, mit Leinöl getränkt. Da wollte einer mein Atelier abfackeln.“

Er zeigte auf das zerschlagene Oberlicht.

„So eine infame Sauerei. Wenn es nicht hereingeregnet hätte, hätte sich das Zeug entzündet.“

„Wie? Echt?“, zweifelte Helene.

„Hundert Pro. Denk mal an den Brand im Zeicheninstitut in Tübingen in den 90er-Jahren. Da hatte einer einen in Leinöl getränkten Lappen in den Papierkorb geworfen und das Atelier fing Feuer. Wenn da nicht zufällig eine Putzfrau gekommen wäre, mein lieber Mann! Und gegen so einen Lappen ist diese Wolle  eine richtige Brandbombe.“

„Wieder mal Glück gehabt! Was machen wir jetzt?“

„Wir rufen die Polizei.“