Klassenausflug mit Zeltlager

Die grauen Mäuse haben bloß so lange am Feuer ausgehalten, damit sie nicht ausgelacht werden. Rabe sagt Schluss und schon sind sie in ihren Nestern. Ein bisschen Getuschel und Geraschel, und Ruhe ist im Mauseloch. Wir stehen langsam auf, als wollten wir uns gar nicht von der Feuerstelle trennen. Im Schein der Glut morsen Paddys Wimpernschläge Sebastian eine Einladung zu. Dann verschwindet sie mit Carmen in ihrem Zelt.

„Du kommst dann mit.“ Sebastian muss mich meinen. Sonst ist da keiner.

 „Ich? Wieso? Was soll ich da?“

 „Carmen ablenken.“

 „Was?“

 „Carmen ablenken. Ich kann doch nicht mit Paddy rummachen, wenn die allein danebenliegt.“

 „Frag doch Mike oder Sven.“

 „Alex, ich hab gedacht, du bist mein bester Freund.“

 Hundsgemeinheit von Sebastian! Einfach so die Freundschaftskarte zu ziehen!

 „Sebastian, klar bin ich dein Freund, aber ...“

 „Was aber? Du sollst ja nicht die Ponti abknutschen. Du sollst dich nur um Carmen kümmern. Schraub halt ein bisschen an ihr rum. Die steht doch auf dich. Das sieht man doch schon den ganzen Abend. Oder hast du Tomaten auf den Augen?“

Klar hab ich das gecheckt, aber ich würde ihr jetzt nicht unbedingt nachlaufen. Andererseits sieht sie ganz gut aus, obwohl sie ziemlich feist ist. Na ja wenn nicht Paddy, dann doch sie vielleicht? Mal sehen.

 „Na gut, aber dann hab ich was gut bei dir.“

 „Klar. Okay.“

 Aber erst mal legen wir uns in unser Zelt und teilen uns eine Dose Bier. Inzwischen habe ich mehr als genug gegessen. Langsam, genüsslich, Sebastian ein Schluck, ich ein Schluck, Sebastian ein Schluck, ich ein Schluck, leeren wir die Dose. Dann kommen auch Mike und Sven rein. Mike fischt ohne Licht eine Flasche Whisky aus seinem Rucksack.

 „Da. Was vom Feinsten. Chivas Regal. Hab ich meinem Vater geklaut. Der merkt das nicht. Der hat noch ein paar im Depot.“

 Er lässt kurz seine Taschenlampe aufleuchten, damit man sehen kann, was er da Feines mitgebracht hat. Er schraubt die Flasche auf, nimmt den ersten Schluck und reicht sie weiter. Das zieht vielleicht rein! Mir wird warm im Magen und weich in der Birne. Sven schluckt gleich zu viel und keucht und hustet.

 „Bah!“, macht er. „Wollten wir das Zeug nicht verdünnen?“

 „Den Chivas doch nicht. Der ist viel zu schade. Die Cola hab ich für den Wodka gekauft.“

 Bestandsaufnahme: immer noch ein paar Dosen Bier, eine Flasche Whisky, eine Flasche Wodka und jede Menge Cola. Ich bin froh, dass es dunkel ist und keiner mein Gesicht sieht. Ich hab schon Lust, richtig einen zu schlucken. Aber so viel? Vielleicht ist es doch besser, wenn ich mit Sebastian zwischendurch zu den Mädchen gehe.

 „Scheiße, dass man hier nicht rauchen kann. Das riecht der sofort“, sagt Sven.

 „Da müssen wir eben später mal rüber“, meint Mike.

 „Was meinst du?“

 „Na, zu den Wohnwagen. Dazwischen haben wir volle Deckung.“

 Er lässt wieder die Flasche kreisen. Man sieht kaum die Hand vor den Augen. Trotzdem setze ich die Flasche an und tu so, als würde ich einen großen Schluck nehmen, schlucke aber fast gar nichts. Unsere Runde ist eigentlich etwas öde. Keiner redet was, rauchen können wir nicht, und jedes Mal, wenn die Flasche zu mir kommt, muss ich wieder den Schluckspecht mimen.

 Draußen schleicht Rabe herum.

 „Alles klar bei euch?“, fragt er vor jedem Zelt.

 „Ja, alles klar, gute Nacht“, tönt es zurück, auch von uns. Dann ist es still. Wir machen zwei Bierdosen auf und teilten sie brüderlich. Das Bier ist eine Wohltat. Es löst diese harte Schärfe in meinem Magen auf  und entspannt mich total. Mir wird so schön warm.

 „Kommst du jetzt?“, fragt Sebastian nach einer Weile.

 So wie ich inzwischen drauf bin, ist mir egal, an wem ich rumschrauben soll, Paddy oder Carmen, Carmen oder Paddy − alles eins.

 „Alles klar“, sage ich.

 „Wo wollt ihr hin? Wollten wir nicht ...?“, fragt Mike überrascht.

 „Später. Wir müssen eben noch einen Besuch machen.“

 „Ach nee, Weiber! Ich glaube, ich hör nicht recht. Da klaut man seinem Alten das Beste, was es gibt, und ihr …“, fängt er an herumzumosern und wird einfach zu laut.

 „Pssst! Jetzt krieg dich wieder ein. Wir kommen ja wieder“, zischt Sebastian und wir kriechen aus dem Zelt. Draußen hören wir noch, wie er weiter rummotzt.