Leseprobe 4

„Wenn wir noch einmal so viele Kämpfer verlieren, können wir die Stadt nicht halten“, beschreibt er die Lage.
 Daher ist man sich uneins über die weitere Strategie. Soll man nachsetzen und dabei riskieren, dass man in einen Hinterhalt läuft, oder soll man einen neuen Angriff abwarten? In diesem Fall müsste man aber damit rechnen, dass die Sarazenen erst wieder vorrücken, wenn sie Verstärkung bekommen haben, und man hätte es wieder einer starken Übermacht zu tun. Ohne genau zu wissen, wie geschwächt der Feind nun wirklich ist, kann man diese Entscheidung nicht fällen, ohne ein großes Risiko einzugehen.
 Da wird ihre Beratung unterbrochen. Ein Parlamentär mit weißer Fahne löst sich aus den feindlichen Reihen und reitet von der Anhöhe, auf die sich die Sarazenen zurückgezogen haben, in die Ebene hinunter. Ein Dolmetscher wird ihm entgegengeschickt. Im Galopp reiten sie auf einander zu und haben ihre Pferde noch nicht recht zum Stillstand gebracht, da kehren sie schon wieder um. Der Dolmetscher verkündet die knappe Nachricht: Der beste Kämpfer der Sarazenen fordert einen christlichen Ritter zum Zweikampf. Der Ausgang dieses Kampfes soll den Kampf um Ceuta entscheiden. 

 

Georg sieht seine Stunde gekommen. Gott hat seine Gebete erhört, Gott schickt ihm einen heidnischen Recken, gegen den er sich als christlicher Ritter bewähren kann. Was er als Hauptmann an Schuld auf sich geladen hat, den Tod vieler Kämpfer, die er in die Bresche und damit in den Tod schicken musste, und die Eitelkeit, die Überheblichkeit und den Leichtsinn, womit er sich auf die Fahrt hierher begeben hat – all dessen kann er sich entledigen, wenn er gegen diesen Heiden zieht und ihn, so Gott es will, in ritterlichem Kampf besiegt. Er lebt innerlich auf.
„Es ist Gottes Wille, dass ich mich diesem Heiden stelle“, verkündet er sofort im Brustton der Überzeugung, womit er den Kommandanten und die anderen Hauptmänner überrascht.
„Schickt mich in diesen Kampf.“
Dom Luis betrachtet ihn kritisch. Ja, er ist mit seinem Ringharnisch und seinem Streitross gut gerüstet, besser als die meisten Ritter. Aber ist er wirklich der stärkste Recke unter den vielen? Er weiß es nicht, aber er kennt auch keinen, von dem gesagt würde, dass er der allerstärkste, der unbesiegbare sei. Er denkt an die Empfehlungsschreiben, von denen er gehört hat, und weiß auch von dem Ruhm, den Georg auf den Turnieren in Lissabon erworben hat. Aber dieses Lob hat er nur im Ritterspiel erworben, um Leben und Tod ging es dabei nie. Und während des Ausfalls eben, hatte er ihn aus den Augen verloren.
Fragend schaut er in die Runde. Doch da ist keiner, der sich vordrängen würde, und auch keiner, den man für stärker hielte. 
„Sollen wir die Herausforderung überhaupt annehmen?“,  gibt er vorsichtig zu bedenken. Aber ehe ein anderer das Wort ergreift, meldet sich Georg erneut zu Wort.
„Ich, ich werde sie annehmen“, zerstreut er Dom Luis´ Zweifel, furchtlos und entschlossen. „Warum sollen noch viele Christen sterben, wenn die Fehde im Zweikampf beendet werden kann? Es ist Gottes Wille, dass ich in diesen Kampf ziehe. Der heilige Georg ist mein Zeuge.“
Der Nachdruck seiner Rede und die unbeugsame Entschlossenheit seiner Miene verwundern die Ritter in der Runde. Sie schweigen. Keiner mag ihm laut zustimmen und den Anschein erwecken, dass er durch Georgs Kampfbereitschaft erleichtert sei. Das hätte einen seltsamen Geschmack. Verlegenes Schweigen.
„Was ist aber, wenn der Deutsche im Kampf unterliegt? Werden wir dann die Verteidigung einfach aufgeben?“, wirft ein portugiesischer Hauptmann ein.
Dom Luis weicht seinem Blick aus und schaut nachdenklich vor sich hin. Georg fragt Klaas, warum der Kommandant so unschlüssig wirkt, und bekommt den Einwand übersetzt.
„Darüber sollt ihr nur nachdenken, falls ich unterliege“, beendet er abrupt die Unterredung, steigt ohne ein weiteres Wort aufs Pferd und reitet dem Feind entgegen. Niemand hält ihn auf.
Mit Lanze, Schild und Schwert galoppiert er in die Mitte der Ebene zwischen den beiden Hügeln und kratzt mit seiner Lanze ein Kreuz in den Boden. Hier soll der Kampf stattfinden. Dann reitet er hundert Fuß zurück und wartet. Hinter ihm ertönt das Trompetensignal zur Attacke. Es wird von der Gegenseite erwidert, und schon rast der heidnische Recke auf einem flinken Berberpferd ihm entgegen.