Leseprobe 3

[In Wien auf dem Turnierplatz] trifft Jörg auf einem Erkundungsgang gleich nach seiner Ankunft auf eine Gruppe von Edelmännern, die er von Rottenburg her kennt: das Gefolge Sigismunds, das ihn, den damals frischgebackenen Kammerherrn, so kritisch beäugt hat.
Mit einem Bierkrug in der Hand steht er am Eingang eines der Zelte, in denen Erfrischungen angeboten werden, und schaut dem Treiben zu. Soll er schon mitmachen oder sich lieber erst von den Strapazen der Reise erholen? Er weiß, dass das vernünftig wäre. Aber es fällt ihm schwer. Trotzdem entschließt er sich, ein paar Tage zu warten.
Da aber gehen ein paar von Sigismunds Gefolge an ihm vorbei, bunt gekleidet wie ein Schwarm Papageien. Die einen halten die Nase hoch und ignorieren ihn, die anderen tun so, als würden sie sich ganz schwach an ihn erinnern – ach ja, der von damals - indem sie ihm wie beiläufig zunicken, ohne Freundlichkeit oder Interesse an den Tag zu legen. Nur einem von ihnen reicht das nicht. So laut, dass Jörg es hören muss, sagt er spöttisch:
„Was man in Rottenburg ins Wasser fallen lassen musste, kann man hier ja nachholen. Wenn da mal keiner mit einem großen Schlüsselbund am Gürtel in der Donau ersäuft.“
Lautes Gelächter. Ein paar wenden sich Jörg zu, aber nicht alle. Jörg tut zunächst, als hätte er diese Spottrede überhört. Er führt gemächlich seinen Krug an den Mund und schaut zu, wie sich die bunte Gruppe Bier reichen lässt.
„Lassen wir es krachen“, ruft der Stichler dann mit einem höhnischen Blick auf Jörg. „Trinken wir auf eine erfolgreiche Tjoste. Prost!“
Prost rufen auch die anderen, sie heben die Krüge, nehmen, mit Blick auf Jörg,  einen großen Schluck und wischen sich den Schaum vom Mund.
„Ja. Prost. Auf eine erfolgreiche Tjoste“, sagt Jörg in den stillen Moment hinein und hebt seinen Bierkrug, als wollte er mit ihnen anstoßen.
Der Stichler tritt herausfordernd auf ihn zu. Aber ehe er den Mund aufmacht, fragt ihn Jörg gelassen:
 „Wann soll es denn sein? Morgen oder übermorgen?“
„Wann Ihr wollt. Wir sind hier.“
„Das ist ein Wort.“
Ehe Jörg weggeht, mustert er seinen künftigen Gegner. Er ist kräftig gebaut und ungefähr so groß wie er selbst. Er muss sich vorsehen.
Einen Tag lässt er verstreichen. Dann aber, schon am frühen Morgen, sattelt man seinen kräftigsten Hengst und bedeckt ihn mit einer schwarzgelben Schabracke. Er lässt sich von seinen Knappen rüsten und reitet dann zum Turnierplatz. Von den Tirolern ist noch nichts zu sehen. Da trabt er locker auf und ab, macht sich und seinen Hengst warm und beobachtet dabei, wer auf den Turnierplatz kommt. Mehrere Ritter, ebenso gerüstet wie er, beleben nach und nach den Plan, indem sie wie ziellos über die Turnierbahnen ziehen und auf einen Herausforderer warten. Jörg erweckt Aufsehen, ist er doch als Erster dagewesen und tut so, als sei er allein auf dem Platz. Er schenkt ihnen keinen Blick, womit er ihnen Rätsel aufgibt. Aber dann spornt er plötzlich seinen Hengst an und sprengt auf einen Ritter zu, der auf den Platz geritten kommt. Gelbgrün sind dessen Farben und sein Schild zeigt drei Bäume. Außer von seinen Knappen wird er von ein paar farbenprächtigen Höflingen begleitet, die ohne Rüstung im Sattel sitzen.
„Ihr habt gesagt, Ihr seid immer hier. Nun warte ich schon recht lange“, ruft Jörg ihnen entgegen.
„Dann lasst uns sofort beginnen. Ringstechen, Tjoste, Pferderennen?“
„Pferderennen“, schlägt Jörg vor. Sein Gegner stimmt zu.
Am Rand des Spielfelds formiert sich ein Publikum. Wer vorher noch hoch zu Ross ziellos auf und ab stolziert ist, steigt ab und übergibt die Zügel seinen Knappen, damit er ungehindert das Schauspiel verfolgen kann.
Auch Jörg und sein Gegner steigen ab. Ihre Knappen entfernen die Steigbügel und halten die Pferde am Zaumzeug fest. Dreißig Schritte entfernt warten die beiden Ritter auf das Kommando.
Dann laufen sie los, schwingen sich gleichzeitig auf ihre Rösser und hetzen die Turnierschranke entlang. Ihre Waffenröcke, schwarz-gelb und grün-gelb, blähen sich im Fahrtwind. Die Hufschläge dröhnen. Jörgs Gegner hat von Anfang an einen Pferdehals Vorsprung und kann ihn bis zum Wendepunkt halten. Dann aber hat Jörg seinen Hengst besser im Griff, schafft eine kürzere Wende und rast im gestreckten Galopp der Zielmarke zu. Aus dem Augenwinkel sieht er den Kopf des gegnerischen Pferds genau neben sich. Überlegen lächelnd wendet er sich seinem Gegner zu, streckt den Arm aus und fährt mit seiner Hand dem Pferd über die Blesse, wodurch es nur kurz den Kopf zur Seite bewegt, was aber schon dafür reicht, dass es die nächsten zwei Schritte ein kleines Bisschen kürzer macht und aus Jörgs Gesichtsfeld verschwindet. Er hört nur noch sein Schnauben und erreicht das Ziel mit einer halben Pferdelänge Vorsprung. Dröhnender Applaus.
„Und was soll der nächste Gang sein?“, fragt Jörg.
„Ringstechen. Denn dazu werdet Ihr nach der Tjoste nicht mehr fähig sein.“
„Habt Dank für Eure Fürsorge.“
Die Steigbügel werden wieder angeschnallt, Ringe werden an die Galgen gehängt, sechs Stück in je zwanzig Schritten Abstand.
„Der Verlierer beginne. Bitte“, reizt Jörg seinen Gegner.
Der grüngelbe Ritter gibt seinem Pferd die Sporen, hält die Kurzlanze frei am ausgestreckten Arm und sticht in rasendem Galopp alle sechs Ringe herunter. Lauter Applaus von der Menge, die sich inzwischen verdoppelt hat.
„Macht das nach, wenn Ihr könnt“, wird Jörg herausgefordert.
Auch er galoppiert mit ausgestrecktem Arm heran, erwischt den ersten, den zweiten, den dritten, auch den vierten und den fünften Ring. Dann aber senkt sich die Spitze seiner Lanze ein winziges Bisschen – genug, um den sechsten Ring zu verfehlen. Dennoch wird auch ihm applaudiert.
Ohne einander auch nur anzusehen, rüsten sich die beiden zur Tjoste. Sie ziehen sich die geschlitzten Visiere vors Gesicht, ihre Knappen stecken den Lanzen die schützenden Krönlein auf, stumpfe Enden, die den Gegner vor Stichverletzungen schützen. Die Seiten werden ausgelost, die Gegner nehmen ihren Startpunkt ein und warten auf das Signal.
Die Trompete ertönt.
Jörg hört, dass sein Gegner einen Wahlspruch in seinen Helm brüllt. Er versteht ihn aber nicht. Er spürt die Kraft seines Hengsts in seinen Schenkeln, mit denen er sich eisern festklammert. Er drückt mit dem Ellbogen seine Lanze gegen die Rippen und umschließt sie mit festem Griff. Durch den Sehschlitz beobachtet er seinen Gegner, der mit hoch erhobener Lanzenspitze auf ihn zugerast kommt. Sein Gegner dreht sich ihm leicht zu und versucht, mit dem Schild seinen Oberkörper abzudecken. Damit hat er seinen Schwerpunkt aus dem Sattel verlagert, was Jörg erkennt. Er rückt sich im Bocksattel noch einmal zurecht und fühlt sich eins mit seinem Ross. Er setzt den Stoß tief an. Er will den Schild an der unteren Kante treffen, so dass er umschlägt wie ein Blatt im Wind und seine Lanze den Gegner in die Rippen trifft. Sein ganzes Gewicht legt er in den Stoß und reißt den Kopf, wie er es ein eingebläut bekommen hat, im letzten Moment hoch. Er sieht nur den blauen Himmel über sich.
Krachen, Splittern, Dröhnen. Er fühlt, dass seine Lanze zerfasert. Ein höllisch starker Stoß gegen seine rechte Brust kippt ihn etwas nach hinten, er fühlt sich plötzlich ganz leicht, wird aus dem Sattel gehoben, schwebt in der Waagerechten und landet mit einem ohrenbetäubenden Schlag schwer wie ein Bleiklotz auf der Erde. Es scheppert und dröhnt, dann Stille. Und plötzlich erhebt sich donnernder Applaus aus der Menge. Hat er verloren? Ist dieses Tiroler Großmaul tatsächlich stärker als er? Er will es sehen. Er versucht sich zu rühren. Alles schmerzt, aber er kann Arme und Beine bewegen. Zuerst streift er seinen Helm ab. Er blinzelt gegen den Sonnenschein an. Wie er sich auf den Ellbogen gestützt leicht aufrichtet, traut er im ersten Moment seinen Augen nicht. Auf der anderen Seite der Turnierschranke, keine fünf Schritte von ihm entfernt, liegt sein Gegner auf dem Rücken. Regungslos. Jörg ist bestürzt. Er hat doch niemand töten wollen! Als er auf die Beine kommt und zu ihm hinwill, sind schon zwei Knappen da, die seinem Gegner den Helm abziehen. Er rührt sich, Gott sei Dank! Man hilft ihm auf. Keuchend steht er da, stützt sich an der Turnierschranke und nickt Jörg mit erstauntem Gesicht zu.