Leseprobe 1

´s Jergle hat nun sein Haselnussschwert und fantasiert. Er hat im Laufschritt die Zugbrücke überquert, einen Ausfall gegen die Belagerer gemacht und will ihre Reihen lichten. Fest hat er das Heft in der Hand und lässt die Klinge durch die Luft sausen, dass es nur so pfeift. Er haut so stark ins Leere, dass sich sein ganzer Oberkörper jedem Schlag hinterher dreht. Seine Schwertstreiche brauchen Widerstand, fühlt er. Er sucht Gegner und findet sie in den Kardendisteln, die unweit der Burg mannshoch am Feldrain stehen. Mit wütenden Schlägen hin und her schlägt er ihnen die Köpfe ab und kann nicht genug kriegen. Wenn er nur weit genug ausholt und blitzschnelle Streiche führt, schneidet er glatt durch ihre Hälse, so dass ihre Rüstungen zerbersten und die Köpfe nur so durch die Luft fliegen. Er tobt sich aus. Erst an den Kardendisteln, dann an Brennnesseln. Mit tiefer angesetzten Hieben mäht er eine Schneise in die feindliche Schar der Brennnesselritter. Er vergisst alles um sich herum.
„Aha, der große Held“, hört er plötzlich hinter sich spotten.
Mit noch erhobenem Haselnussschwert dreht er sich um. Sein älterer Bruder Wolf steht hinter ihm und grinst höhnisch. Seine rechte Hand versteckt er hinter seinem Rücken.
„Was hast du da? Ein Schwertlein?“
´s Jergle nickt etwas verschämt.
„Dann kannst du ja mit mir fechten.“
Er zeigt seinem jüngeren Bruder einen krummen Buchenast, so dick wie ein Handgelenk, dessen Ende gegabelt ist. Keine ritterliche Waffe!
„Das gilt nicht.“
„Was gilt oder nicht, ist dem Feind egal.“
Damit holt Wolf aus und schlägt nach seinem jüngeren Bruder, den er um einen halben Kopf überragt. ´s Jergle hält dagegen. Er kann den ersten Schlag abwehren, obwohl ihm Wolf sein Schwert fast aus der Hand schlägt. Er weicht einen Schritt zurück und richtet dabei seine Schwertspitze mit ausgestrecktem Arm auf den Bauch seines Gegners. Der aber lacht nur.
„Stich doch zu, trau dich doch“, fordert er Jergle heraus.
´s Jergle sticht zu, aber ins Leere. Wolf hat einen Schritt zurück gemacht, erwischt mit seiner Gabel Jergles Schwert und drückt es nach unten. Dabei kommt er ihm näher, lässt den Buchenast los und packt seinen kleinen Bruder mit beiden Händen an der Schulter. Er stellt ihm ein Bein, so dass er strauchelt, und gibt ihm einen Stoß mit dem Knie, dass er rücklings im Brennnesselfeld landet.
„Zum Ritter langt´s nicht. Geh halt ins Kloster“, höhnt Wolf und geht weg.
Mühsam rappelt sich ´s Jergle auf. Sein Hals, seine Hände und Waden brennen, und mit jeder Bewegung, die er macht, kommt er noch mehr mit den beißenden Blättern in Berührung.
Aber da muss er durch. Anders kommt er nicht hoch.
Als er wieder auf den Beinen steht, sieht er Wolf gerade noch hinter einer Bodenwelle verschwinden.
Beim Träumen ertappt und mit einem Schlag hart in die Wirklichkeit zurückgeholt, fühlt er sich gedemütigt und schämt sich. Seine Haut brennt an den Handgelenken, am Hals, in den Kniekehlen, an den Waden. Er
möchte zum nächsten Brunnen rennen. Aber da müsste er Wolf überholen. Er fürchtet sich vor seinem Spott und geht ihm nur langsam nach, bis er die Viehtränke passiert hat und über die Zugbrücke verschwunden ist. Dann erst rennt er an den Trog, hängt seine nackten Beine ins eiskalte Wasser, spritzt sich den Hals nass und reibt und reibt, bis das Brennen endlich nachlässt. Er friert. Am liebsten würde er jetzt zum Schloss zurückgehen und sich im großen Saal vor den Kamin setzen. Aber da müsste er sich durch die Kinderschar durchschlängeln, die im Schlosshof irgendwelche albernen Spiele spielt, er müsste an der alten Magd Stine vorbei, die im Freien auf ihrem Schemel Geflügel rupft oder Hasen das Fell abzieht, und auch Veit, den Pferdeknecht, den er eigentlich sehr mag, will er jetzt nicht sehen. Niemanden will er sehen. Er will nicht gefragt werden, warum er so nass ist.